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Rituale gegen den Zwang

Andauernd den Herd kontrollieren, sich ständig vor Keimen fürchten oder immer bis 20 zählen müssen: Wie solche Zwänge Menschen quälen und was aus dem Teufelskreis hilft.

Wenn das Murmeltier täglich grüßt, kommt das lustig daher. Zumindest ist das in dem gleichnamigen Film so. Doch wer sich wie getrieben fühlt, permanent Gedichtzeilen aufzusagen, die Hände zu waschen oder Plastiktüten zu horten, kann darüber nicht lachen. Eine innere Unruhe drängt zu diesem zwanghaften Verhalten. Ein enormer Leidensdruck, der mehr Menschen quält als vielleicht vermutet. Die Fachwelt schätzt, dass drei von hundert Menschen unter diesem krankhaften Druck stehen – nicht selten schon im Kindes- oder Jugendalter.

Von Natur aus gewissenhaft

Ein Zufall ist das nicht. So spielen frühe traumatische Erlebnisse wie körperliche Gewalterfahrungen oder seelische Misshandlung häufig eine Rolle bei Zwangserkrankungen. Zu den Risikofaktoren zählen ebenso familiäre Veranlagung oder ein von Natur aus gewissenhafter Charakter. Doch Experten und Expertinnen wägen ab, bevor sie die Diagnose aussprechen. Sie prüfen, ob eher Angststörungen oder Depressionen hinter dem auffälligen Verhalten stecken. Ganz abgesehen davon, dass auch der Übergang von einem normalen Verhalten zur wahnhaften Kontrolle fließend ist.

Jetzt ist es wichtig, dass Profis die richtigen Fragen stellen. Erscheinen einem zum Beispiel die Gedanken und Handlungen selbst sinnlos? Verschafft es aber kurzfristig Erleichterung, die belastenden Rituale auszuführen? Vor allem: Wie oft halten sie einen auf Trab? Tun sie das über mindestens zwei Wochen an den meisten Tagen, sprechen Mediziner:innen von einer Zwangsstörung. 

Der Leidensdruck ist hoch bei dem tabuisierten Leiden. Schamgefühle lähmen einen oft. Die wenigen Stunden Zeit, die einem bleiben, nehmen oft die Zwänge in Anspruch. Sie sind Krafträuber pur, vor allem für den, der seine fixen Ideen vor seiner Umwelt zu verheimlichen sucht.

Privat- und Arbeitsleben unter einen Hut zu bekommen gelingt vor lauter Erschöpfung immer schlechter. Es droht sozialer Rückzug, auch das Selbstwertgefühl nimmt Schaden.

Denkmuster austricksen

Höchste Zeit, sich professionelle Hilfe zu suchen. Denn von alleine heilen Zwänge nie. Doch es gibt Licht am Ende des Tunnels: So fühlen sich viele Betroffene besser, wenn sie sich mit anderen in einer Selbsthilfegruppe austauschen können. Auch moderne Therapieverfahren helfen, die Symptome nachhaltig zu lindern. Die seelisch Erkrankten profitieren besonders von einer Kognitiven Verhaltenstherapie (KVT). Das ist eine Art Schulung für den Alltag. Die in die Irre führenden Denkmuster gilt es auszutricksen. Um das zu erreichen, sprechen die Patientinnen und Patienten zunächst über ihre Gefühle. Warum etwa versetzt es einen in Unruhe, wenn man sich nicht zum 15. Mal die Hände waschen kann?

Der nächste Schritt: Die Betroffenen sollen etwas Schmutziges anfassen und danach nicht gleich zur Seife greifen. Immer wieder wird das geübt. Nach und nach stellt sich so das Gefühl ein, dass auch ohne das zwanghafte Verhalten die Angst wieder verschwindet. Selbst wenn sie sich nicht ganz verbannen lässt: Sie dominiert im Laufe der Zeit nicht mehr so stark den Alltag.

Auch Medikamente können dazu beitragen. Bei einer Zwangsstörung verordnen Mediziner:innen Wirkstoffe, die auch Menschen mit einer Depression helfen. Dieser Schritt ist zum Beispiel besonders dann sinnvoll, wenn Patientinnen und Patienten diese Unterstützung brauchen, um mit einer Psychotherapie zu beginnen. Oder umgekehrt: Wird eine KVT abgelehnt, sind Betroffene umso mehr auf Arzneimittel angewiesen, um den Leidensdruck zu senken. Denn das ist das oberste Ziel: Den inneren Zwängen immer mehr Paroli zu bieten und sie aus dem Leben zu drängen. Es gibt so viele schöne Dinge und Gedanken, die ihren Platz einnehmen können.

So können Angehörige helfen:

  • Informieren Sie sich über das Leiden, um es besser zu verstehen.
  • Passen Sie Ihren Alltag nicht den Zwangshandlungen an. Setzen Sie Grenzen und unterstützen Sie die Zwangsrituale nicht.
  • Nehmen Sie das Geschehen nicht persönlich.
  • Sorgen Sie gut für sich selbst. Sonst werden Sie krank.
  • Ermahnungen wie „Jetzt streng dich mal an!“ erzeugen nur mehr Druck.
  • Sprechen Sie Lob aus, wenn Sie Fortschritte sehen.
  • Planen Sie gemeinsam Aktivitäten, die ablenken.
  • Ermutigen Sie zu einer Therapie oder den Besuch einer Selbsthilfegruppe.
     

Hier finden Sie Ansprechpartner:

Der Psychotherapie-Informationsdienst unterstützt bei der Suche nach einem geeigneten Therapeuten (www.psychotherapiesuche.de).
Die „Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen“ gibt Tipps zum Umgang mit dem Leiden und Auskunft über Selbsthilfegruppen in Ihrer Nähe (www.zwaenge.de).

Bildquelle: GettyImages AntonioGuillem

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